9. Elternzeit und Krippe

Als Stefan und ich die benachbarte Kita der Rosenheimer AWO betreten, staune ich. Kleine schwarze Kinder schaukeln mit kleinen asiatischen Kindern. Kleine weiße Kinder basteln mit kleinen Latinokindern. Ich komme mir vor wie bei den Mini-United Nations. Und das mitten in Bayern. Stefan flüstert in mein Ohr: „Wo bitte sind denn deren Eltern?“ Das ist eine berechtigte Frage. Im Rosenheimer Stadtbild tauchen sie jedenfalls kaum auf.

Noch bevor die Erzieherin von konfessionsfreier Erziehung, Waldausflügen und regionalem Mittagessen spricht, sind wir überzeugt und marschieren ins Büro der Krippenleitung. Dort sitzt eine elegante Perserin und fragt mit hinreißendem Akzent:

„Für wann wollen Sie Ihr Kind anmelden?“
„Für November 2018, dann ist es ein Jahr alt.“
Sie schmunzelt. „Sie kommen aus München, oder?“
„Warum?“
„Nun, ich würde sagen: Der Platz ist Ihnen sicher. Nur bitte beachten Sie, dass einer von Ihnen bei der Eingewöhnung dabei sein muss.“

Das war ja einfach. Nun kommt die schwierige Frage. Wie regeln wir das erste Jahr?

Meine Cousine stand zwei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter wieder in ihrer Praxis. Eine Bekannte hat zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes eine Tagesmutter engagiert. Meine Rosenheimer Kollegin fing beim ersten Kind nach vier Monaten wieder an zu arbeiten. Mich beeindrucken diese Frauen. Doch ich höre auch ihre Ratschläge. Keine von ihnen sagt: „Das war super, das würde ich wieder so machen.“ Stattdessen kommt: „Nimm Dir die Zeit, sie vergeht so schnell. Und keiner kann sie Dir zurückgeben.“

Theoretisch ist das alles möglich. Ich kann beim BR nach dem Mutterschutz unbezahlten Urlaub nehmen und danach auf meine Korrespondentenstelle zurückkehren. Praktisch allerdings spricht einiges für einen zügigen Wiedereinstieg: Der Job ist schnelllebig und technisch anspruchsvoll. Außerdem mache ich ihn ausgesprochen gern. Lange wegbleiben? Momentan ist mir der Gedanke sehr fern.

Doch was heißt das schon? Noch halte ich mein Kind nicht in den Armen. Noch ist es ein abstraktes Wesen, ein gelegentliches Ziehen im Unterleib. Noch kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, was sich hinter dem Satz „Ein Kind verändert alles.“ verbirgt. Ich kann nur sagen, ich glaube ihn. Ich glaube ihn so sehr, dass ich echt nicht ausschließen kann, mich plötzlich nur noch darum kümmern zu wollen. Meine Mutter ist da anderer Meinung:

„Ach Nathi, Du bist schon nach ein paar Monaten Baby wieder froh, etwas anderes als Bababubu zu hören. Du brauchst intellektuellen Input. Geh ruhig schnell wieder arbeiten, im Endeffekt wird Euch das allen gut tun.“ Das gibt mir zu denken. Weil sie mich so gut kennt. Vor allem aber, weil man ihr nun wirklich nicht vorwerfen kann, die Familie hinten anzustellen.

„Stefan, ab welchem Monat könntest Du Dir vorstellen, Dich um das Kind zu kümmern?“
„Puh.“ Während er nachdenkt, kommt mir eine Szene in den Sinn: Wir besuchen meine Freundin Julia, die uns ihren vier Monate alten Säugling vorstellt. „Willst Du ihn mal halten, Nathi?“ Klar, denke ich, hebe ihn drei, vier Mal in die Luft, fange an, mich zu langweilen und gebe ihn Stefan. Als wir eine Stunde später los müssen, spielen die beiden noch immer. Und es ist schwer zu sagen, wer mehr Spaß hat.

Spätestens seitdem weiß ich, dass er sich an der Erziehung beteiligen will. Allerdings baut er gerade zusammen mit zwei befreundeten Kollegen ein Software-Unternehmen auf. Das erfordert noch mehr Zeit als mein Job. Es ist noch schwieriger, wegzubleiben. Außerdem bringt es deutlich mehr Geld – nun mal leider auch ein Kriterium. Nach ein paar Minuten antwortet er:

„Alles ab neun Monaten fände ich entspannt, alles ab sechs Monaten wäre machbar.“
Ich weiß nicht warum, aber es klingt richtig.
„Perfekt. Dann würde ich meiner Chefin vorschlagen, nach sechs Monaten Teil- und nach neun Vollzeit wieder einzusteigen. Kannst Du Dich denn einfach so ausklinken?“
„Einfach so nicht. Aber ich will mir das schon mit Dir teilen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich bei der Kita-Eingewöhnung wahrscheinlich mehr Spaß haben werde als Du.“

Da hat er zweifellos recht.