2. Fehlgeburt und Wahnsinn

Ich verlasse die Rosenheimer Stadtibliothek mit zwei vollgestopften Jutebeuteln, kiloweise Schwangerschaftsliteratur. Die Blutversorgung meiner Finger ist auf ein Minimum reduziert. Mich stört das nicht, die Vorfreude ist zu groß. Ich kann nicht erwarten, genau zu erfahren, was jetzt alles in meinem Körper passiert. Doch die Lektüre schmettert mich in die Wirklichkeit.

Ich blättere das erste Buch auf und lese nur ein Wort: Fehlgeburt. Zack, wieder zu. Dieser Gedanke darf sich gar nicht erst festsetzen. Nächster Versuch: „Zwischen der 5. und 7. Schwangerschaftswoche kommt es in einem Viertel der Fälle zu Fehlgeburten“. Weg damit. Im nächsten lese ich, dass ich doch bitte bis zum Ende der zwölften Woche damit warten soll, es meinem Umfeld zu erzählen. Weil? Ja, natürlich, weil es ja vorher zu einer Fehlgeburt kommen könnte. Eine halbe Stunde später packe ich alle Bücher zurück in die Beutel.

„Sag mal, Stefan, wem hast Du es eigentlich schon alles erzählt?“
„Hm, also, meinen Eltern, Nike, Simone, Matthäus und Max.“ Ich muss schmunzeln. Das nenne ich mal die richtige Einstellung! Noch am selben Tag informiere auch ich meine engsten Freunde. Und bei einem dieser Telefonate fällt doch tatsächlich der Satz: „Sechste Woche? Dann darfst Du das ja eigentlich noch gar nicht erzählen.“

Auf dem Weg zurück zur Bibliothek beschweren mich die Jutebeutel ebenso wie die Erkenntnis, dass Fehlgeburten anscheinend noch immer ein Tabuthema sind. Meine Mutter erzählt manchmal die Geschichte vom Abgang, den sie zwischen meinem Bruder und mir hatte. Sie verbrachte danach einen Urlaub auf Sylt, ohne das Erlebte zu verschweigen. „Und Du glaubst nicht, Nathi, plötzlich sagte auch die ein oder andere alte Bekannte: ‚Ich hatte ebenfalls eine Fehlgeburt.'“ Das ist bezeichnend. Es ist beschämend. Und es ist über 30 Jahre her.

Ich kann nicht fassen, auf was für Parallelwelten ich stoße. Auf der einen Seite ist das Thema so präsent, dass es an Belästigung grenzt. Jeder Versuch, mich übers erste Trimester zu informieren, mündet in Horrorszenarien. Komplikationen und Fehlgeburten aller Art werden bis ins Detail beschrieben und so großflächig erörtert, dass eine unkomplizierte Schwangerschaft als Ausnahmezustand erscheint. Den Fakten entspricht das nicht. Laut Uniklinikum Bonn enden „etwa 15% aller klinischen Schwangerschaften als Fehlgeburt“. 85% aller klinischen Schwangerschaften tun dies dementsprechend nicht. Oder anders: fünf von sechs gehen gut.

Diese Realitätsverzerrung hat ein absurdes Gegenstück: das Schweigen. Es kommt gern in Form von Newslettern, die Artikel wie „How to hide a pregnancy“ empfehlen. Am allerliebsten aber kommt es in Form von „generellen Empfehlungen“, die Schwangerschaft erst nach den ersten zwölf Wochen publik zu machen. Woher kommen denn bitte diese generellen Empfehlungen? Aus den 50ern? Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe nicht, warum ich eine Fehlgeburt verheimlichen sollte. Ich verschweige doch auch nicht den Tod eines Angehörigen. Erst recht nicht, um besser damit zurecht zu kommen.

Kann es denn wirklich sein, dass unsere Gesellschaft Frauen die Schuld gibt? Oder, noch schlimmer: dass Frauen sich selbst die Schuld geben? Wenn das der Fall ist, dann müssen wir erst recht darüber reden. Übertriebene Aufklärung erscheint mir ebenso fehl am Platz wie übertriebene Verschwiegenheit.