5. Fleisch und Gewissen

Es ist nicht so, dass ich einfach Appetit hätte. Ich habe Hunger. Und zwar ständig. Etwa zwei Stunden nach der letzten Mahlzeit lässt meine Konzentration nach und mein Magen fängt an zu knurren. Sobald ich etwas esse, geht’s mir wieder gut. Ich befinde mich in der 9. Schwangerschaftswoche und auf einem moralischen Tiefpunkt. Denn ich will nur eins: Fleisch.

Am liebsten in Form von Döner, am liebsten mehrmals täglich. Zwischendurch auch gern als Currywurst, McIrgendwas oder Bacon-Sandwich. Es ist so widerlich, raunt mein Gewissen. Es ist so geil, schreit mein Instinkt. Geist und Körper, sie liegen im Clinch.

Vor meiner Schwangerschaft habe ich mich im Grunde vegetarisch ernährt. Das war keine bewusste Entscheidung. Es hat sich vor allem so ergeben, weil ich gar nicht so scharf auf Fleisch war. Schon gar nicht auf Massenware. Doch durch den ganzen Mist, den ich gerade verschlinge, merke ich, wie wohl ich mich mit dieser Lebensweise gefühlt habe. Anscheinend gab sie mir das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Tempi passati.

Jetzt regiert der Embryo. Und der zeigt diesbezüglich wenig Gnade. Das Biosteak vom benachbarten Dorfbauern interessiert ihn nicht, das glückliche Huhn lässt ihn kalt. Er will’s schnell und verwerflich. Manchmal starte ich Bekehrungsversuche. Dann dippe ich Karotten in Hummus, schneide Avocado in Hüttenkäse oder viertel einen frischen Apfel. Dinge, die ich immer mochte, nun bleiben sie nach ein paar Bissen stehen. Ich kapituliere und versuche zu retten, was zu retten ist.

Auf dem Weg zum McDrive lasse ich jedes Auto rein. Nach dem Schnitzelessen gebe ich zu viel Trinkgeld. Der netten Frau vom Bratwurststand bringe ich ein selbstgepflücktes Gänseblümchen mit. Während Serhat mir den Kebab vom Spieß schneidet, schreibe ich meinen Eltern, dass ich sie liebe. Ich sage meiner Arbeitskollegin, wie sehr ich sie mag, und erkläre Stefan, wie viel ich von ihm halte. Mit Karma verhält es sich wie mit Vegetarismus: Ich glaube stärker dran als mir lieb ist.

Nach einem Termin treffe ich in der Stadt eine Frau, die ich vom Informationsabend im Geburtshaus kenne. Sie ist zwei Wochen weiter als ich, wobei man ihr das nicht ansieht.
„Hey. Geht es Dir gut?“ frage ich.
„Nein, mir wird schon beim Gedanken an Nahrung schlecht und wenn ich doch etwas in mich hineinquäle, muss ich mich übergeben. Ich habe seit Beginn der Schwangerschaft ein Kilogramm abgenommen.“
Ich bin baff.
„Oh, also ich esse permanent Döner. Schlecht wird mir höchstens, wenn pubertierende Jungs in Axe-Wolken an mir vorbeilaufen und seit Beginn der Schwangerschaft habe ich fünf Kilo zugenommen.“
Wir lachen. Dann sagt sie zu meinem Erstaunen:
„Döner wäre jetzt richtig gut.“

Fünf Minuten später sitzen wir im Anatolia-Imbiss. Ich betrachte das beigebraun glänzende Fleisch, rieche sein Fett und drücke mein Fladenbrot zusammen. Doch irgendwas ist heute anders. Als ich hineinbeiße, weiß ich es: Die Zeit des Junkfoods ist vorbei. Ich weiß es einfach. Es wird der erste Döner meines Lebens, den ich nicht aufesse – eine Nahrungsmittelverschwendung, die mich glücklicher nicht machen könnte. Mit den letzten Lammfetzen zwischen den Zähnen kaufe ich ein. Obst, Gemüse, Nüsse und Brot. Je schwerer der Korb wird, desto erleichterter bin ich.