10. Geschlecht und Gefühl

Ich weine auf Hochzeiten von Menschen, die ich kaum kenne. Ich weine, wenn Spotify „You Raise Me Up“ von Westlife spielt. Oder die Prélude von Bachs „Cello Suite Nr. 1“. Ich weine bei zu vielen Treppenstufen, die ich hinaufsteigen muss. Ich weine allein beim Gedanken daran, dass Stefan und ich bald heiraten. Ich weine oft in letzter Zeit. Als ich erfahren habe, welches Geschlecht unser Kind hat, tat ich es nicht.

Für mich war klar, dass wir einen Jungen bekommen. Praktisch seit Beginn meiner Schwangerschaft rede ich in Gedanken mit meinem Sohn. Meinen Freunden erzähle ich von „ihm“. Ich sehe mich als Mutter eines heranwachsenden Mannes. Sogar sein Name steht mittlerweile fest.

Bei der zweiten großen Untersuchung warte ich also auf die Bestätigung dessen, was ich ohnehin schon weiß. Das Ultraschallgel klatscht auf meinen Bauch, mein Frauenarzt startet seinen Check-up. „Hier sind die Nieren – eins, zwei – super. Hier sehen wir die Herzkammern – eins, zwei, drei, vier – super.“ Ich höre nur mit halbem Ohr zu und suche nach einem kleinen Penis auf dem Monitor.

„So, jetzt kann’s die Haxen mal noch etwas spreizen.“ Ich horche auf. Mein Frauenarzt stupst sanft in meine Gebärmutter. Unser Baby wechselt die Position. „Na bitte. Also, das sieht mir doch schwer nach Madame aus. Ja, nein, ich sehe da nichts von Pimmelchen.“

Er lächelt mich an, doch in mir steht alles still. Ich warte auf den nächsten Heulkrampf, auf Rührung, auf Gefühl. Ich warte darauf, dass dieser Moment die Dimension annimmt, die ihm zusteht. Aber es kommt nichts. Nur ein Gedanke: Oh Gott. Gefolgt von: Wie kannst Du sowas denken?!

Als ich die Praxis verlasse, kämpft mein Verstand mit meinem Gefühl. Ich will mich freuen, aber es gelingt mir nicht. Mir begegnen kleine Mädchen in kleinen Kleidern, sie lösen nicht den Hauch einer Regung in mir aus. Was ist bloß los mit mir? Meine Güte, ich liebe Frauen! Ich feiere Frauen. Ich umgebe mich mit ihnen, suche ihre Gesellschaft. Und ausgerechnet zu der in meinem Bauch kann ich keine Verbindung herstellen? Ich verstehe mich nicht.

Beim Betreten unserer Wohnung erscheint vor meinem inneren Auge ein Grundschulmädchen, das Topmodel spielt. Das für lächerliche Posenfotos Likes erntet. Das spielerisch lernt, wie wichtig Äußerlichkeiten sind. Das ein gestörtes Verhältnis zu einem gesunden Körper entwickelt. Dessen Seele leise leidet.

Jetzt muss ich weinen. Ich weine so laut, dass ich befürchte, mein Nachbar schaut gleich mal nach mir. Aber ich kann mich nicht zurückhalten, geschweige denn aufhören. Ich sinke zu Boden. Und versinke in Mitleid mit dem kleinen Mädchen in meinem Kopf.

Dann kommt Stefan nach Hause. „Was ist los?“ fragt er überrascht. Ich schluchze meine Sorgen hinaus. Schluchze, dass ich nicht weiß, wie ich sie vor diesem ganzen Mist beschützen soll. Schluchze, dass ich jetzt schon Angst um sie habe. Und dass ich das nicht will. Ihretwegen nicht will. Ich schluchze, dass wir ihr unbedingt ein unerschütterliches Selbstbewusstsein mitgeben müssen. Dann kann ich nur noch wimmern.

Stefan nimmt mich wortlos in den Arm. Sogar bei diesem irrationalen Ausbruch gibt er mir das Gefühl, mich ernst zu nehmen. Dann relativiert er ihn kurzerhand: „Das bekommen wir schon hin. Da mache ich mir wirklich keine Sorgen. Und Du brauchst sie Dir auch nicht zu machen. Glaub‘ mir.“

Ich glaube ihm fast immer. Ich glaube ihm jetzt. Er drückt mich noch fester an sich und ich spüre ein Zappeln im Bauch. Das Zappeln unserer Tochter.