13. Glaube und Wille

Rom, Oktober 2002. Ich verbringe mein elftes Schuljahr auf einer amerikanischen High School und lebe in einer italienischen Familie. Beide Welten sind mir fremd, Heimweh zerfetzt mein Herz. Bei jeder Gelegenheit nehme ich den klapprigen Zug ins Zentrum und besuche den Petersdom. Dieses Meisterwerk, das in keine Erinnerung passt – so gigantisch, dass er mich jedes Mal aufs Neue überwältigt. Ich schaue hoch zur Kuppel, knie mich auf eine der Holzbänke, falte die Hände und spreche in Gedanken das Vaterunser. Doch dieses Gebet hat kein Ende. Plötzlich wird mir klar: ER wird mich nicht erlösen. ER ist überhaupt nicht da. Ich springe auf und renne aus dem Dom. Draußen trifft mich das brennende Sonnenlicht und wenig später die Erkenntnis: Heute habe ich aufgehört zu glauben.

Tirol, 15 Jahre später. „Bist Du eher für oder gegen eine Taufe?“ fragt Stefan, während wir mit Schafsfellen unterm Hintern in einem Wirtshaus sitzen und Rinderkraftbrühe löffeln. Er ist eher dagegen. Und er hat gute Argumente. Gern würde er aus der Kirche austreten. Gern würde er selbst entscheiden, an wen er sein Geld spendet, anstatt pauschal acht Prozent Steuern abzuführen. Er empfindet die Mitgliedschaft in dieser Institution als Bevormundung und möchte unserer Tochter dieses Gefühl ersparen. Was, wenn sie aus der Kirche austreten möchte, ihr aber dadurch Nachteile entstehen? Sollte sie bei einem kirchlichen Träger arbeiten, könnte es sein, dass sie ihren Job durch einen Austritt verliert. Als Konfessionslose würde ihr das nicht passieren.

„Vor allem aber bin ich der Meinung, sie sollte selbst darüber entscheiden, ob sie einer Religion angehört oder nicht“, sagt Stefan. Er hat vollkommen recht. Über den freien Willen eines Menschen lässt sich nicht verhandeln, denke ich gerade, als ich mich sagen höre: „Also ich bin eher dafür.“

Jetzt ist es raus. Ja, ich bin eher dafür und noch vor einigen Wochen hätte ich das selbst nicht für möglich gehalten. Doch es ist, als ob sich mit meinem wachsenden Bauch auch meine seelischen Parameter verschieben. Vielleicht lässt sich das am ehesten mit einem Vergleich beschreiben. Rein biologisch betrachtet trage ich einen Nachkommen in mir, den ich mithilfe von Instinkten und Hormonen großziehen werde. Doch dieses Kind ist für mich mehr als Naturwissenschaft. Seine Existenz sprengt meine rationalen Ebenen. Und in mir wächst das Bedürfnis, dem Ausdruck zu verleihen.

Ich will unserer Tochter einen Glauben mitgeben. Einen Glauben, der sie schützen kann. Aber auch einen, mit dem sie sich auseinandersetzen muss. Anhand dessen sie definieren kann, wer sie ist und wer sie sein möchte. Ich will ihr noch mehr bieten als Liebe und Geborgenheit. Ihr ein weiteres Fundament gießen. Und sei es nur, damit sie es eines Tages einreißen kann.

Ich lege den Löffel beiseite. Eine Urkraft scheint mein Inneres aufzuwühlen. Vor mir erscheint der Berg zur Kirche, den meine Familie und ich am frühen Abend des 24. Dezember immer hinaufliefen. Ich sehe meine Oma neben mir, die vorm Schlafengehen mit meinem Bruder und mir betete. Ich höre unseren klugen Pfarrer, der mich mit seinen Ermahnungen sowohl ärgerte als auch zum Nachdenken brachte. Und ich spüre den Mix aus Interesse und Widerwille, den der Konfirmationsunterricht in mir hervorrief. Ich betrachte dieses kulturelle Erbe und fürchte plötzlich, dass es verschwindet, nur weil es mir eines Tages nicht mehr viel bedeutete.

„Aber es geht ja nicht verloren“, sagt Stefan. „Natürlich soll sie sich mit dem Christentum auseinandersetzen. Sie kann den evangelischen Religionsunterricht ja auch ungetauft besuchen. Wir können jederzeit in die Kirche gehen, wir feiern Weihnachten, wir diskutieren über das Christentum und machen ihr dadurch ein Angebot, das sie annehmen oder ausschlagen kann.“ Ich möchte etwas entgegnen, aber mir versagt die Stimme. Er nimmt meine Hand. „Wow, ich hätte nicht gedacht, dass das ein solch emotionales Thema für Dich ist.“

Ich nun wirklich auch nicht. Ich kann nur sagen: Es fühlt sich falsch an, ihr dieses Sakrament vorzuenthalten. In meinen Augen gewänne sie durch die Taufe ein Stück Identität. In Stefans Augen hingegen verlöre sie ein Stück Eigenständigkeit. „Ich merke schon, diese Diskussion ist noch nicht zu Ende“, sagt er und küsst meine Finger.

Amen.