11. Licht und Schatten

Ich kauere vorm Kleiderschrank und kann nicht mehr aufstehen. Es ist sieben Uhr morgens und höchste Zeit, in die Pötte zu kommen. In eineinhalb Stunden muss ich im Gericht sein, um über einen Prozess zu berichten. Doch die Bluse, die ich anziehen wollte, passt nicht mehr. Nichts Förmliches aus meinem Kleiderschrank passt mehr. Ich arbeite seit neun Tagen durch, meine Nerven liegen blank und ich frage mich, wie ich den Tag überstehen soll.

Zehn Stunden später fahre ich mit Stefan zum Yoga, mit offenem Verdeck in Richtung Chiemsee. Aus dem Radio dröhnt „Symphony“ von Clean Bandit feat. Zara Larsson. Weiße Wolken wölben sich am blauen Himmel, Stefan und ich halten Händchen. Toller Job, toller Wohnort, toller Mann. Wir sind gesund, wir lieben einander und jetzt bekommen wir sogar noch ein Kind. Der Wind rauscht in meinen Ohren und ich könnte ausrasten vor Glück.

Meine Gefühlswelt hat das Mittelmaß verloren. Ich schwanke von einem Extrem zum nächsten. Wobei mich die euphorischen Momente nicht weiter beschäftigen. Den Freudentaumel kenne ich gut. Was mich irritiert, sind diese dunklen Stunden, in denen ich jegliches Interesse verliere. In denen ich stumpf die Wand anstarre und so niedergeschlagen bin, dass es mir Angst macht.

Unser derzeitiges Leben erscheint mir manchmal wie ein Affenzirkus. Wir versinken in Arbeit, ziehen in einer Woche um und heiraten in sechs. An Samstagen begutachten wir Eheringe und Einrichtung. An Sonntagen packen wir Kisten und suchen nach einem Restaurant für unsere Hochzeit. Wenn ich an Wochentagen nach Hause komme, begegnen mir Wäscheberge und Papierkram.

Objektiv betrachtet ist das alles zu bewältigen, vieles davon ja eigentlich auch schön. Doch Dinge, die ich früher mit links gemacht habe, fordern mir gerade alles ab. Und dabei habe ich ständig das Gefühl, mich anzustellen. Die eine Überweisung! Die paar Meter bis zum Supermarkt! Die eine Maschine! Kleinigkeiten mutieren zu Hürden und ich komme nicht dagegen an.

„Gönn Dir Ruhe“, sagt meine Hebamme. „Lass auch mal was liegen“, sagt mein Arzt. „Jaja“, denke ich dann immer. Aber langsam begreife ich, was sie meinen: Ich muss mir eingestehen, dass ich die Schwangerschaft unterschätzt habe. Sie ist nichts, was ich nebenbei erledige. Mein Kind wächst nicht einfach so in mir heran, während ich weitermache wie bisher. Nur fällt es mir unfassbar schwer, das einzusehen. Zu sehr widerspricht es meinem Selbstbild.

Als ich ins Bett gehe, fantasiere ich vom entspannten Leben, das wir haben werden, wenn unsere Tochter erst einmal auf der Welt ist. Dann ist die neue Wohnung fertig. Dann haben wir die Hochzeit gefeiert. Dann bin ich in Mutterschutz. Hach, es wird wie Urlaub. Ein Anruf meiner Freundin Felicitas reißt mich aus dem Dämmerzustand. Ich erzähle ihr von meinen Gedanken, sie entgegnet: „Klar, mit dem Kind wird’s super chillig, weiß ja jeder.“

Die Ironie in ihrer Stimme überhöre ich. Dann lächle ich zufrieden. Schön, dass sie’s genauso sieht.