6. Nackenfalte und Vertrauen

„Wenn wir feststellen würden, dass unser Baby mit großer Wahrscheinlichkeit behindert ist, was wäre die Konsequenz?“

Stefans Frage erwischt mich eiskalt. Wir sitzen im Auto auf dem Weg nach Wuppertal, um meine Familie und meine Freunde zu besuchen. Ich freue mich riesig auf alle, alle freuen sich riesig auf uns. Aber über diesem Besuch schwebt eine Entscheidung, die zu treffen ist. Sollen wir den Weg der Pränataldiagnostik einschlagen?

Für 150 Euro würde mein Frauenarzt die Nackenfalte unseres Embryos untersuchen. Der Befund könnte darauf hinweisen, dass unser Kind an einer Krankheit leidet. Etwa an einer Fehlbildung seiner Lunge, seiner Nieren oder seines Skelettes. An einem Herzfehler oder einer Funktionsstörung des Herzens. An Trisomie 10, 13, 15, 16, 18, 21 oder 22. Und an vielen anderen Syndromen, von denen ich noch nie etwas gehört habe.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz und gucke aus dem Fenster. Während Hessen vorbeizieht, versuche ich, meine Gedanken in Worte zu fassen.

„Nun, wenn unser Kind das Down-Syndrom hätte, könnte ich, glaube ich, damit umgehen. Ich weiß, dass solche Kinder ein glückliches Leben führen können und dass viele Familien sie schlussendlich als Bereicherung empfinden. Wenn es aber einen schweren Herzfehler hätte, wenn es von Beginn seines Lebens an leiden müsste, dann könnte ich das kaum ertragen.“ Ich schaue zu Stefan hinüber. Er schaut auf die Straße.

„Was genau findet er mit der Nackentransparenzmessung denn heraus?“ fragt er.
„Also, in fünf Prozent der Fälle diagnostiziert der Arzt per Ultraschall: Im Nackenbereich des Embyos hat sich übermäßig viel Flüssigkeit angesammelt. Dann würden wir vor der nächsten Entscheidung stehen. Sollen wir weitere Untersuchungen durchführen lassen? Auch wenn da nur in einem von zehn Fällen überhaupt etwas gefunden wird?“

„Und was wären das für Untersuchungen?“ Sein Blick fixiert noch immer die Straße.
„Chromosomale Krankheiten wie Trisomie 21 können durch eine Fruchtwasseruntersuchung zu 99 Prozent ausgeschlossen werden. Allerdings kann der Nadelstich in die Gebärmutter einen Abort, also eine Fehlgeburt, auslösen. Andere Krankheiten, wie zum Beispiel der Herzfehler, können erst Wochen später durch spezielle Ultraschalluntersuchungen festgestellt werden.“

„Also entweder das Risiko, einen wahrscheinlich gesunden Embryo zu töten, oder wochenlanges Zittern bis zur Gewissheit.“
„Ja. Oder beides.“
Er schweigt. Dann schaut er kurz zu mir rüber und sagt:
„Egal, wofür Du Dich entscheidest, ich trage die Entscheidung mit.“

Von einer Entscheidung bin ich allerdings weit entfernt.

Drei meiner Wuppertaler Freundinnen sind schon Mutter. Eine von ihnen hat die Nackenfalte bei all ihren Kindern messen lassen und sagt: „Nathi, es geht ja gar nicht nur um die Frage, ob Ihr dann abtreibt oder nicht. Selbst wenn Ihr Euch für das Kind entscheidet, ist es besser, Bescheid zu wissen. Dann könnt Ihr Euch darauf vorbereiten.“
Die nächste wiegelt ab: „Die allermeisten Kinder kommen gesund zur Welt. Stefan ist gesund, Du bist gesund, Ihr raucht nicht und seid im richtigen Alter. Eure Chancen könnten nicht besser stehen.“
Die dritte trifft schließlich in mein persönliches Schwarzes: „Warum nicht guter Hoffnung sein, Nathaschka? Warum nicht die Schwangerschaft genießen? Durch diese ganzen Untersuchungen machst Du Dich im Endeffekt doch nur wahnsinnig.“

Nach diesem Besuch bricht es förmlich aus mir heraus:
„Das ist doch genau der Punkt, Steppi! Diese Untersuchungen sollen beruhigen, aber eigentlich machen sie einen völlig kirre. Das fängt doch schon an, bevor überhaupt irgendwas überprüft wurde. Anstatt die Zeit hier auszukosten, träume ich von schwerbehinderten Kindern und verwandle jedes Gespräch in eine ethischen Grundsatzdebatte. Das ist doch bescheuert. Ich bin mir irgendwie eh total sicher, dass unser Kind gesund wird. Und wenn ich mich wirklich täusche, dann bekommen wir das auch hin. Oder etwa nicht?“
Stefan nickt: „Ich würde sagen, da hast Du Deine Entscheidung. Du willst vertrauen.“

Ja genau, ich will vertrauen. Und das hat einen ganz einfachen Grund: Tue ich es nicht, drehe ich durch.