8. Nomen und Omen

Als Stefans Mutter davon erfuhr, dass ich schwanger bin, waren ihre ersten Worte: „Bitte gebt dem Kind einen anständigen Namen.“
„Natürlich“, versprachen wir. Zu der Zeit nannten wir unser Baby noch Zellhaufen. Es ist lange her.

Als ich das erste Ultraschallbild in der Hand hielt, bekam es den Spitznamen Garnelchen. Schlichtweg, weil es auf dem Bild so aussah. Wir unterzeichneten Postkarten mit Nathalie, Stefan und einer hingekritzelten Garnele. Meine Eltern grüßten Garnelchen nach jedem Telefonat, sogar ein neu gepflanzter Baum in ihrem Garten heißt nun so. Garnelchen gehörte schnell zur Familie.

Doch für mich wurde es Zeit, das Thema ernsthaft anzugehen.
„Sag mal, welcher Name gefällt Dir denn eigentlich?“ fragte ich Stefan, als wir das benachbarte Molkerei-Gelände in Richtung Fluss überquerten. „Also mir gefallen ja Tessa und Theodor ganz gut.“ Nun war es raus. Was würde er nur dazu sagen?
Stefan ließ seinen Blick schweifen, blieb am Firmenschild hängen und sagte: „Ich finde Danone gar nicht schlecht. Danone Stüben. Hat was, oder? Und es hört sich auch auf Englisch total gut an. Danone.“
Es war eindeutig zu früh für diese Konversation. Doch Stefan hatte Feuer gefangen. Er benutzte Danone fortan so oft, dass mein Bruder schon meinte: „Passt bloß auf. Irgendwann klingt das nicht mehr komisch und Euer Kind heißt wirklich so.“

Ich probierte, dem entgegenzuwirken.
„Wir könnten es auch nach einem unserer Großeltern benennen. Ich hätte Frieda, Hildegard, Emil und Paul im Angebot. Frieda finde ich ziemlich gut.“
Stefan nickte. „Also bei mir wären es David, Ute, Marianne und Adolf.“
Es war zum Verzweifeln.
„Ja dann halt Adolf“, sagte ich. „Ist in Kombination mit David auch nicht ganz so anrüchig.“
„Was hast Du gegen Ute?“
„Ich glaube, es wird ein Junge. Sonst wäre Ute natürlich erste Wahl.“

Vor ein paar Tagen bekamen wir unser nächstes Ultraschallbild. Kein Garnelenschwanz mehr. Stattdessen, klar erkennbar: ein kleiner Mensch.
„Garnelchen passt ja nun eigentlich nicht mehr“, sagte Stefan.
„Wie willst Du’s denn jetzt nennen?“ fragte ich. „Garnella?“
Stefan überlegte kurz. „Garnelius!“ Sein neuer Favorit ward geboren. „Das klingt nach einem römischen Feldherrn. Nach Ruhm und Tapferkeit. Kein Mensch denkt bei dem Namen an Garnele.“
„Steppi, jeder Mensch denkt bei Garnelius sofort an Garnele.“ Meine Worte verpufften.
„Wir könnten diese Stärke noch mit einem Zweitnamen unterstreichen. The Punisher. Wie findest Du das? Garnelius The Punisher Stüben. Wahrscheinlich wird er dann Wrestler.“

Wahrscheinlich wird er ausgerechnet dann ein feingeistiger Träumer. Immer wieder stelle ich mir einen kleinen Stefan vor, wie er im Kindergarten steht. Sensibel, zärtlich und freundlich.
„Hey, ich bin Ben und wie heißt Du?“
„Ich bin Garnelius The Punisher.“

Es ist, wie mein Bruder sagte. Ich finde langsam Gefallen an dem Quatsch.

Danone Garnelius The Punisher Adolf David Stüben

Stefans Mutter wird sich auch noch dran gewöhnen.