12. SS-Yoga und Freaks

Früher Abend in einer Hebammenpraxis in Rosenheim. Zehn Schwangere sitzen im Schneidersitz und geblümtem Stillkissen im Rücken auf fingerdicken Matten. Ihre Bäuche reichen von Woche 16 bis Woche 34. „Wie geht es eigentlich der mit den Zwillingen?“, fragt eine. „Nicht so gut, die muss jetzt die restlichen Wochen liegen.“ Ein mitfühlendes „Oh“ rauscht durch den Raum. „Wer war denn nochmal die mit den Zwillingen?“, frage ich. Keiner antwortet. Dieser Kurs sollte dazu dienen, schwangere Freundinnen zu finden. Doch es ist aussichtslos.

Die Frauen beim sogenannten SS-Yoga bilden ein Paralleluniversum, in das ich nicht zu passen scheine. Schon diese unbewanderte Abkürzung steht sinnbildlich für die fremden Sphären, in denen sie schweben. SS-Yoga hat folglich so wenig mit Yoga zu tun wie die SS mit einer Schwangerschaft. Nur weil die Lehrerin ihrer Stimme einen spirituellen Touch verleiht, sobald die Stunde beginnt, und „Namasté“ sagt, wenn sie endet, ist es eben noch lange kein Yoga. Es handelt sich eher um 20 Minuten Gymnastik, 20 Minuten Entspannung und 20 Minuten Tratsch.

In diesen 20 Tratsch-Minuten lassen die Teilnehmerinnen Klischees hochleben, dass es nur so kracht. „Und dann hat mir die Oma einfach ungefragt den Bauch getätschelt“, alle atmen laut ein und verdrehen synchron die Augen. „Mein Mann hat mir gestern gesagt, dass ich ganz schön dick geworden bin“, halb schockiert, halb belustigt reißen sie ihre Münder auf. „Ich habe das Kinderzimmer jetzt schon komplett eingerichtet, dabei bin ich gerade mal in der 18. Woche. Nestbautrieb halt“, alle nicken wissend. Nur eine nicht: ich.

Mir hat noch kein einziger Fremder an den Bauch gefasst. Stefan käme im Traum nicht darauf, mir zu sagen, dass ich dick geworden bin. Und auch vom Kinderzimmer sind wir weit entfernt. Unser dritter Raum ist erstmal ein Büro. Warum auch nicht? Kein Mensch braucht jetzt schon ein Kinderzimmer. Doch damit stehe ich hier allein da. Im Mamiversum bin ich der Ketzer.

Am Wochenende vor der Stunde haben zwei SS-Yoga-Frauen ihre Kinder bekommen, beide zwei Wochen früher, beide beim ersten Kind. Das ist ja tatsächlich ein erstaunlicher Zufall. Nein, kein Zufall, wie ich lerne: „Das lag am Wetterumschwung. Und natürlich am Vollmond.“ Natürlich, denke ich gerade, als eine andere Teilnehmerin entgegnet: „Aber Vollmond war doch erst am Dienstag.“ Ich kann nicht anders, ich muss lachen. Alle starren mich an, mich trifft das geballte Unverständnis. Ich schaue nach unten und zeichne mit dem Zeigefinger das Blütenmuster auf dem Stillkissen nach. Die Lehrerin wechselt in ihren Yoga-Ton und macht weiter.

Beim Rausgehen erwähne ich, dass ich nächstes Mal nicht kommen kann, weil ich heirate. Heirat? Schlagwort! Ich bekomme noch eine Chance. „Wie hat er Dich gefragt? Wie hat er Dich gefragt?“ Oh Mann. „Gar nicht“, sage ich. „Wir haben das gemeinsam beschlossen.“ Nun gelten mir die mitleidigen Blicke. „Bei Vollmond beschlossen“, sage ich noch, aber außer mir findet das keiner witzig. Mutterschutz und Elternzeit werde ich wohl allein im Park verbringen, mit Headset in den Ohren. Wie nach der Stunde, als ich meine Freundin Cassandra anrufe.

„Vielleicht ist SS-Yoga auch nicht das richtige für Dich. Vielleicht solltest Du eher zum SS-Rugby. Oder zum SS-Wrestling. Da treibt sich wahrscheinlich Dein Kaliber herum,“ sagt sie. Ich muss lachen und werde wehmütig. Warum wohnen meine Freundinnen bloß alle so weit weg? Immerhin beginnt bald der Geburtsvorbereitungskurs. Vielleicht treffe ich sie ja da, meine SS-Kumpanin.