1. Symptome und Hysterie

Ich könnte schwanger sein. Es spricht nichts dagegen. Außer mein ständiger Begleiter, der obsessive Zweifel. Eine Woche vor Einsetzen meiner Periode hatte ich eine kurze, hellrote Blutung. Sie könnte darauf hinweisen, dass sich eine befruchtete Eizelle in meine Gebärmutter eingenistet hat. Könnte.

Drei Tage ist das jetzt her. Seitdem scheint mein Körper mir zu signalisieren, dass ich mich getäuscht habe. Mir ist nicht übel, meine Brüste fühlen sich an wie immer und ich habe auch keine abgefahrenen Heißhungerattacken. Aus Ratlosigkeit beginne ich, „Symptome in der Frühschwangerschaft“ zu googlen. Zwei Minuten später fühle ich mich miserabel.

So ziemlich jede Seite beginnt mit dem niederschmetternden Satz: „Viele Frauen spüren instinktiv, dass sie schwanger sind.“ Erst danach folgt die Symptom-Liste – für all die unsensiblen Vollpfosten, die ihren Körper nicht verstehen, sozusagen. Ich gehöre eindeutig dazu. Vor lauter Selbstanalyse spüre ich alles und nichts.

Ein paar Stunden später habe ich das Internet durch und falle ins Bett. Die Checkliste verfolgt mich bis in den Dämmerzustand: Ich bin erschöpft! Ich bin hundemüde! Eindeutiges Zeichen, oder? Als ich nach 14 Stunden aufwache zieht es leicht in meinem Unterleib, glaube ich. Sicher bin ich mir nicht. Doch, doch, da ist ein Ziehen. Oder bilde ich mir das jetzt tatsächlich ein? Viel fehlt nicht mehr zur Hysterie.

„Was machen wir bloß mit Deinen ganzen Symptomen, wenn Du nicht schwanger bist?“ fragt Stefan. Er sitzt vor mir wie Buddha, während ich überprüfe, ob mein rechter Brustwarzenvorhof nicht doch ein bisschen dunkler geworden ist. Oh, wie ich ihn beneide. Um seine Fähigkeit, abwarten zu können. Hier jetzt so sitzen zu können. Und das, obwohl da gerade unser Kind entstehen könnte! Zur Sicherheit kontrolliere ich auch meine linke Brustwarze. Nichts als rosa.

„Einen Frühtest zu machen ist jedenfalls genauso sinnvoll wie ihn sein zu lassen“, sagt er. Das stimmt. Aber nicht ganz. Denn das Internet hat mir verraten, dass Bluttests im Gegensatz zu Urintests schon vor dem Ausbleiben der Periode zuverlässige Ergebnisse liefern können. Eine kurze Zeit lang halte ich den Aufwand für übertrieben, einen Tag später sitze ich mit Spritze im Arm beim Arzt. Ich kann unmöglich noch vier Tage warten.

„Morgen früh können Sie anrufen, dann wissen Sie Bescheid“, sagt die Arzthelferin.
„Ab wann?“
„Ab 8.30 Uhr.“
„Gut. Punkt 8:30 Uhr rufe ich an.“

Sie lacht. Es war kein Scherz.

8:29 Uhr – die Nummer steht schon auf dem Display.
8:30 Uhr – ich drücke den grünen Button. „Guten Tag, Sie sind verbunden mit…“
8:31 Uhr – „Guten Tag, Sie sind verbunden mit der gynäkologischen….“
8:32 Uhr – Es tutet. Mein Herz pocht in meinem Schädel. Stille – „Guten Tag, Sie sind verbunden mit der gynäkologischen Praxis…“ Meine Hände fangen an zu zittern.
Um 8:35 Uhr nimmt jemand ab: „Ihr hCG-Wert liegt bei 97, das bedeutet fünfte Schwangerschaftswoche.“

Es verschlägt mir die Sprache.
„Hallo?“
„Ja, ich bin noch dran.“ Pause. „Wie schön“, flüstere ich.
Als ich mich umdrehe, sehe ich Stefan am Sofa stehen.
„Wir bekommen ein Baby.“ Zu meiner Überraschung flüstere ich noch immer.
Er lächelt, nimmt mich in den Arm und küsst mich.

Danach frage ich: „Wie geht es Dir?“
„Ähm, ich weiß nicht.“
Moment mal, macht er sich etwa Sorgen? Jetzt, wo es real ist? Ich gehe duschen. Als ich aus dem Bad komme, läuft „Bang Bang“ von Jessie J. Ich schaue um die Ecke. Stefan sitzt am Esstisch, grinst in seinen Laptop und wippt im Beat. Mehr brauche ich nicht zu sehen.