14. Warten und Godot

Vor 15 Jahren saß ich mit meiner Freundin Gwendolin im Bochumer Schauspielhaus und sehnte mich danach, dass die Zeit vergeht. Ihre Eltern hatten uns Karten für Samuel Becketts Warten auf Godot geschenkt. Erst freuten wir uns. Doch während die beiden Landstreicher Wladimir und Estragon auf der Bühne auf Godot warteten, warteten wir vor allem aufs Ende von Warten auf Godot. In dem Stück passiert unerträglich wenig. Und das bisschen, das passiert, wiederholt sich ständig. In mir machte sich damals ein Gefühl der Rastlosigkeit breit. Wann würde ich diesen Saal endlich verlassen können?

Genau dieses Gefühl begleitet mich jetzt auch durch die letzten Tage meiner Schwangerschaft. Eine aufdringliche Ungeduld, die sich andauernd in den Vordergrund schummelt, obwohl ich doch eigentlich die Atempause genießen könnte, die mir das Leben gerade mal bietet. Stattdessen sehne ich mich danach, ein Kind aus meiner Vagina zu pressen. Ersehne Stunden voller Blut, Geschrei, Strapazen und Beschwerlichkeit.

Sie scheinen weit entfernt. Meine Tochter wird auf ihre letzen Tage in der Gebärmutter nicht ruhiger, sondern aktiver und mein Bauch scheint eher in die Waagerechte zu wachsen, anstatt sich zu senken. Alles steht parat, alles ist bereit. Seit Wochen schon. Sie lässt sich davon nicht beeindrucken. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich schon aufgewacht bin und dachte: schon wieder nicht.

Damals in Bochum riss der Auftritt des Gutsbesitzers Pozzo mit seinem Diener Lucky eine Lücke in die Warterei – und zwar nicht nur in die von Estragon und Wladimir, sondern auch in meine. Das lag daran, dass Harald Schmidt den Lucky spielte und seinen völlig sinnfreien Monolog derart brillant herunterratterte, dass mir der Atem stockte. Harald Schmidt ist ein ebenso fantastischer Bühnenschauspieler wie Late-Night-Entertainer. Sein Talent verdrängte meine Unruhe und zog mich ins Jetzt. Ich genoss den Moment, genoss die Kunst und für ein paar Minuten verflog die Zeit. Wie das so ist, wenn man sich amüsiert.

Dieses Phänomen probiere ich mir nun wieder zu Nutze zu machen und stürze mich ins Leben. Ich besuche Konzerte und Ausstellungen, verschlinge Belletristik, Zeitungen, Magazine, Ratgeber. Ich absolviere Webinare, musiziere, gehe spazieren, zum Yoga und zum Schwimmen. Ich telefoniere mit meinen Freunden, nehme Bäder und mache Nickerchen, kaufe ein, koche und neuerdings backe ich auch. Es macht Spaß.

Aber machen wir uns nichts vor. Letztendlich dient das alles natürlich der Ablenkung von der fast unerträglichen Vorfreude. Der überwältigenden Neugier und den ganzen Fragen, die sie stellt: Wie wird die Geburt losgehen? Wie werden wir sie erleben? Wie wird es sein, unsere Tochter zu sehen? Sie in den Arm zu nehmen? Sie zu stillen? Ihr in die Augen zu schauen? Wie wird sie riechen? Wie wird Stefan auf sie reagieren? Wie wird es sich anfühlen, wenn aus ihm und mir eine Familie wird?

Das Gemeine ist: Sobald sich diese Fragen in mein Bewusstsein schleichen, verliert jede Aktivität an Reiz. Alles erscheint einen Ton blasser, wenn ich es mit dem vergleiche, was uns bevorsteht. Aber es hilft ja nichts. Nur Beschäftigung kann verhindern, dass sich die Tage dehnen. Und so bestimmt das Wechselspiel aus Warten und Zeitvertreib, das Leitmotiv von Becketts Werk, plötzlich auch meinen Alltag.

Allerdings gibt es einen zentralen Unterschied zwischen den beiden Landstreichern und mir: In dem Theaterstück steht das Warten im Mittelpunkt, nicht Godot. Es bleibt unklar, ob er jemals kommen wird. Deshalb hat sich Warten auf Godot als Synonym für Hoffnungs- und Sinnlosigkeit etabliert. Mein Warten aber hat ganz sicher ein Ende. Sehr bald sogar. Ich bin voller Hoffnung. Und das, was dann kommt, wird an Sinn nicht zu übertreffen sein.