4. Wehmut und Euphorie

Zwischen Phasen der totalen Erschöpfung gesellen sich Stunden, in denen mein Energielevel dem eines Drogentrips gleicht. Überhaupt gleicht mein Zustand oft dem eines Drogentrips. Von außen betrachtet ist alles wie immer. Ich führe Gespräche, lese Zeitung, recherchiere Beiträge, drehe Beiträge, schneide Beiträge, mische Beiträge, koche Essen, habe Sex, übe Yoga, gehe spazieren. Doch bei allem, was ich tue, umgibt mich eine durchsichtige, weiche Hülle. Als ob ich in farblose Watte eingewickelt wäre. Ich weiß nun seit drei Wochen, dass ich schwanger bin. Und seit drei Wochen kuschelt sich mein Inneres an diese konturlose Nachricht. Bis heute.

Kurz vorm ersten Schluck Kaffee trifft mich die Erkenntnis: Mein bisheriges Leben ist vorbei.
Ich werde mich nie wieder in Neu-Delhi Hals über Kopf in einen Tinder-Inder verlieben, drei Wochen mit ihm durchs Land touren und danach mit Ring am Finger nach Hause fliegen. Ich werde nie wieder nach einer durchzechten Nacht einen Hochsommermorgen damit begrüßen, mein Kleid bis zur Hüfte hochzuziehen, um mit irgendeinem Typen Hand in Hand in einen der LMU-Brunnen zu springen, während ein Passant: „Fellini! Fellini!“ schreit. Ich werde nie wieder mit meiner Freundin Laura am Hauptbahnhof von Kiew stehen und mit ihr beim Anblick eines Busses mit der Aufschrift „Donezk“ ernsthaft darüber nachdenken, ob die Zeit für Kriegsberichterstattung nicht doch schon reif ist.

Der Realitätscheck ernüchtert mich. Ich werde keine wilden Affären mehr haben. Ich werde keine Nächte mehr durchfeiern. Und ich werde auch keine Kriegsreporterin mehr. Es ist so paradox. In all diesen aufregenden Jahren, an all diesen aufregenden Orten habe ich doch vor allem nach dem gesucht, was ich jetzt habe: gleichberechtigte Partnerschaft, aufrichtige Liebe, verbindliche Bindung. Doch siehe da, mein Wunschleben fordert seine Kompromisse. Ich trage jetzt Verantwortung für ein Kind – und in gewisser Weise auch für meinen Partner. Verantwortung für eine Familie. Mich beschleicht eine Ehrfurcht, die die Watte zerrupft.

Abends lege ich mich neben Stefan und greife zur Fernbedienung. Vox bringt irgendein Ranking der schönsten Disney-Songs. „Der ewige Kreis“ gibt mir den Rest. Ich muss weinen, heulen, schluchzen und schniefen. Vor lauter Pathos krümme ich mich. Stefan reicht mir wortlos Taschentücher.

Wir sind alle Teil
Dieses Universums
Und das Leben
Ein ewiger Kreis

Auf einmal begreife ich. Schlagartig verstehe ich: Ich werde Mutter. Mutter. Dieser abstrakte Begriff ergibt plötzlich Sinn. Mich erfüllt ein unfassbares Glücksgefühl. Der Rausch ist zurück und stärker denn je. Ich lache Stefan an, küsse ihn, springe auf und fange vor Freude an zu hüpfen. Dann schmeiße ich mich wieder auf ihn. „Wir bekommen ein Baby. Ein Baby!“ Er lacht und legt den Arm um mich. Zwei Minuten später liege ich im Tiefschlaf.