15. Wunsch und Schnitt

Beim Tatort setzen endlich die Wehen ein. Ich zelebriere jede einzelne. Je intensiver, desto besser. Als Stefan ins Bett geht, zünde ich Kerzen an, laufe durch die Wohnung, lächle in unsere Spiegel und töne zufrieden auf A, E, I, O, U. Jede Wehe zieht mich tiefer in diesen lang ersehnten Ausnahmezustand. Ich genieße ihn, lasse mich fortreißen, während meine Umwelt langsam verblasst.

Nicht eine Sekunde lang hatte ich Angst vor der Geburt. Was ich hatte, war Angst vor unnötigen Eingriffen. Ich wollte keine Betäubung, die fein austarierte biochemische Abläufe durcheinanderbringt. Ich wollte nicht entgegen jedem weiblichen Instinkt auf dem Rücken liegend gebären. Ich wollte keine Infusionen oder Hormonspritzen. Und am allerwenigsten wollte ich einen Kaiserschnitt. Ich fürchtete mich vor einem System, das davon lebt, meinem Körper zu misstrauen.

Am frühen Morgen fahren Stefan und ich ins Geburtshaus. Die Wehen kommen mittlerweile alle drei bis fünf Minuten. Leicht wegzustecken sind sie nicht mehr. Als unsere Hebamme mich untersucht, weiten sich ihre Augen: „Nathalie, Dein Muttermund ich komplett weg, Dein Baby kommt gleich!“ Ich sehe noch, wie sie die Wärmelampe über der Wickelkommode einschaltet. Dann setzen die Presswehen ein.

Seit 1985 empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, eine Kaiserschnittrate von 10 bis 15 Prozent nicht zu überschreiten. Das reiche aus, um den Tod von Mutter und Kind zu verhindern. Alles, was darüber hinausgeht, sei medizinisch betrachtet unnötig. Trotzdem kommt in Deutschland etwa jedes dritte Baby durch eine Operation zur Welt.

Ich höre mich brüllen. Wieder, immer wieder. Die Wehen dulden nur noch kurze Pausen. Unsere Hebamme tastet nach dem Baby. Stefan reicht mir Wasser. Eine zweite Hebamme betritt den Raum. Ernste Blicke, Flüstern. Ich will es deuten, aber mir fehlt die Kapazität. Ich muss pressen, brüllen, pressen, schreien. Wie durch einen Schleier höre ich: „Köpfchen nicht richtig im Becken. Asymmetrische Geburtspositionen. Chancen 50 zu 50.“ Ich presse an der Sprossenwand, in der Seitenlage, in der Hocke. Schweiß rinnt über mein Gesicht, Fruchtwasser über meine Schenkel. Ich schreie und presse, während die Stunden vergehen.

Die Gründe für die überhöhte Kaiserschnittrate liegen zum einen bei Schwangeren, die die Schmerzen der Geburtswehen oder eine spätere Beeinträchtigung ihres Sexlebens fürchten. Sie liegen bei Eltern, die sich ein bestimmtes Sternzeichen oder ein besonders schönes Geburtsdatum für ihre Kleinen wünschen. Sie liegen aber eben auch bei Ärzten, die beim kleinsten Risiko lieber auf Nummer sicher gehen. Und bei Krankenhäusern, die mit einem Kaiserschnitt deutlich mehr verdienen als mit einer natürlichen Geburt. Die OP dauert gerade einmal drei Minuten. Sie entlastet Kreißsäle ebenso wie überarbeitetes Klinikpersonal. Der Kaiserschnitt ist schnell, sicher, effizient und lukrativ.

Am Vormittag hieve ich mich mit durchgeschwitztem Nachthemd in einen Krankenwagen. Unsere Tochter steckt im Geburtskanal fest, während mein Körper mit aller Macht versucht, sie hinauszubefördern. Ich kämpfe gegen Schmerz, Verzweiflung, Frust und Sorge. Die Ärztin im Kreißsaal spricht von guten Herztönen und Haaren, die sie schon sehen kann. „Wir probieren es nochmal, ok?“ Ich schöpfe Hoffnung. „Ok.“ Eine weitere Stunde pressen. Ich gebe nochmal alles, was ich habe. Aber manchmal reicht selbst das nicht. Ohne Stefan fahren sie mich in den OP. Dort drücken sie sechs Mal von oben auf meinen Bauch, während sie unten mit einer Saugglocke vergeblich am Kopf meines Kindes zerren. Ich kann nur noch kreischen. Die Grenze dessen, was ich ertragen kann, ist erreicht.

Über meinen Bekanntenkreis und einschlägige Foren weiß ich von etlichen Kaiserschnittmüttern, die die Klinik traumatisiert verließen. Paradoxerweise vor allem dann, wenn es sich um einen medizinischen Notfall handelte, dem Gegenstück zum allzu leichtfertig in Kauf genommenen Eingriff. Oft plagt diese Frauen das Gefühl, versagt und ihr Kind in den ersten Momenten seines Lebens im Stich gelassen zu haben. Manche leiden, weil sie sich schämen. Manche fühlen sich um den krönenden Abschluss ihrer Schwangerschaft betrogen.

Um 13.32 setzen die Ärzte auch bei mir das Skalpell an. Unsere Tochter kommt per sekundärer Sectio zur Welt. So heißt der Kaiserschnitt im Fachjargon, wenn die Wehen schon eingesetzt haben und Komplikationen eine natürliche Geburt unmöglich machen. Ich bin bewusstlos, als mein Kind geboren wird. Betäubt durch eine Vollnarkose. Das Erste, an das ich mich erinnere, ist meine innere Stimme, die fragt: „Was zur Hölle war das denn?“ Dann sehe ich Stefan. Er legt mir ein kleines, kompaktes Bündel aufs Dekolletee, das sich an mich schmiegt. „Wie ist sie?“, flüsterte ich. Aus seinem Gesicht spricht das pure Glück. „Hammer“, sagt er. Mir kommen Tränen der Erleichterung.

Ich bin noch immer der Ansicht, dass zu viel in Geburten eingegriffen wird. Dass zu schnell zu viel betäubt, gespritzt und operiert wird. Doch bei aller berechtigten und auch notwendigen Kritik an unserem Gesundheitssystem gerät allzu oft in den Hintergrund, wie privilegiert wir sind. Ingeborg Stadelmann schreibt in ihrem naturheilkundlichen Ratgeber Die Hebammensprechstunde: „Tatsächlich lebt weltweit gesehen nur jede zweite Schwangerschaft.“ Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß aber, dass meine Tochter und ich in einem anderen Land, in einem anderen Jahrhundert jetzt entweder tot oder schwer geschädigt wären. Stattdessen halte ich ein kerngesundes, hinreißendes Baby in den Armen. Von einem Trauma bin ich daher weit entfernt. Beim Gedanken an meinen Kaiserschnitt empfinde ich nichts als grenzenlose Dankbarkeit.